Das historische k.u.k. Infanterie Regiment Nummer 99


Johann Mantl (1884-1975)

 

Johann Mantl wurde am 8. September 1884 in der Gemeinde Bratschitz im Bezirk Auspitz in Mähren geboren. Nach Ableistung seines Militärdienstes beim k.u.k. Infanterie Regiment Nr. 99 in Znaim erhielt er 1908 eine Stelle als Fahrer bei der Elektrischen Straßenbahn in Wien. In Wien ließ er sich auch im 19ten Bezirk nieder und heiratete. Dem Ehepaar waren in weiterer Folge auch drei Kinder geschenkt. Gleich zu Kriegsausbruch wurde Johann Mantl als Zugsführer der Reserve zu seinem Regiment einberufen und fand dort bei der 9. Feldkompanie als titular Feldwebel Verwendung.

Als in den 1930er Jahren die Verantwortlichen des Vereins „Ring der Goldenen Tapferkeitsmedaille“ ihre Mitglieder aufforderten Tatbeschreibungen zur Ver-leihung der Goldenen Tapferkeitsmedaille abzugeben schrieb Johann Mantl Ende August 1936 Folgendes:

Das Infanterie Regiment No.99 war am San zwischen Lezajsk und Jaroslau in Stellung. Am 4. XI 1914 um 1 Uhr nachmittags bekam die Kompanie Befehl zum Angriff. Die 9. Kompanie hatte sogenannte Sackstellen und lag cirka 150 Schritt von der russischen Front entfernt. Unsere Kompanie war nur 97 Mann stark, bekam 84 Mann Verstärkung, dann kam das Kommando ‚Angriff’. Ich als Unteroffizier hinter der Front eiferte die Mannschaft zum Ausharren an. Unser Angriff wurde zweimal zurückgeschlagen, die Offiziere der Kompanie sind gefallen und verwundet worden.

Ich übernahm das Kommando, sammelte die übriggebliebene Mannschaft, cirka 60 Mann. Abends, als es dunkel wurde, kam nochmals der Befehl zum allgemeinen Angriff. Wir schlichen uns aus unserer Stellung, bildeten die Schwarmlinie und ich gab das Kommando zum Sturm. Es ist uns gelungen die russische Front zu durchbrechen. Wir machten über 300 Gefangene und eroberten 2 Maschinengewehre. Einige Mann schickte ich mit den Gefangenen zurück blieb mit einigen wenigen Mann in unserem Schützengraben, wo ich weitere Befehle abgewartet habe. Es kam dann ein Oberleutnant, welcher mir Befehl gab nicht mehr anzugreifen. Es ist eine Stille eingetreten, nichts hat sich gerührt, kein einziger Schuss ist gefallen. Da es auffallend ruhig war, schickte ich gegen Mitternacht einen Unteroffizier nach rückwärts in die Schwarmlinie, nachzusehen, was los ist, welcher nach cirka ½ Stunde zurückkam und mir meldete, dass nur einige Verwundete und Tote im Schützengraben liegen.

Auf das gab ich Befehl soviel als möglich Munition mitzunehmen, im Falle wir beim Rückzug von den Russen verfolgt und angegriffen werden sollten, damit wir uns noch verteidigen könnten. Dann sind wir, als der Morgen graute, durch den Laufgraben gedeckt zurück. Vom Laufgraben herausgekommen mussten wir über eine Wiese gehen. Da wurden wir von den Russen bemerkt, welche uns stark beschossen haben, ohne das wir Verluste gehabt hätten, da wir schon ziemlich weit entfernt waren. Nach einem Marsch von cirka 1 ½ Kilometern, erreichten wir einen kleinen Wald. Da fühlten wir uns etwas sicherer, machten eine kleine Rast, es dauerte aber nicht lange, da mussten wir reisausnehmen, weil uns die russ. Artillerie beschossen hat.

Schließlich erreichten wir Przeworsk, wo wir einige Leute angetroffen haben, die mir gesagt haben, dass abends Alles zurückgegangen ist. Wir aber bekämen keine Verstärkung, denn es wurde auf uns vergessen. Ich nahm alles was hier war mit, es waren cirka 200 Mann, und wir machten uns eiligst davon. Außerhalb Przeworsk kamen wir zu einer Brücke wo wir von einem Pionier-Hauptmann aufgehalten wurden. Wir mussten als Brückenbewachung solange bleiben, bis dieselbe gesprengt wurde. Um 10 Uhr vormittags wurde dieselbe gesprengt. Wir marschierten jetzt bis Lancut und haben dort übernachtet, da wir auch etwas zu Essen gefunden haben. Am 6. XI. morgens haben wir bei Rzeszow unseren Regiments-Train angetroffen. Nachts bekam ich vom Train Kommandanten den Befehl mit meiner Mannschaft, als Trainbedeckung, zu bleiben. Wir marschierten bis zum Morgen, wo wir das I.R. No.99 endlich eingeholt haben.

Für dieses vorbildliche Verhalten wurde Johann Mantl für die Goldene Tapferkeitsmedaille eingegeben. Die Verleihung erfolgte mit Befehl vom 1. Dezember 1914 und wurde bereits am 24. Dezember 1914 vorschriftsmäßig verlautbart. Doch davon sollte er vorerst nicht erfahren.

Es wurde einige Tage marschiert, bis nach Tarnow, wo wir mit der Bahn über Krakau bis nach Zawierzie gefahren sind. Beim Morgengrauen lösten wir das I.R. No.81 ab. Am 17. XI. 1914 mittags haben uns die Russen erneut angegriffen, von der linken Flanke. Links von uns war eine Feldwache des F.J.Baons No.8 und da sind die Russen durch, wir wurden alle gefangen.

Feldwebel Johann Mantl wurde für seine Tapferkeit bei diesem Gefecht auch für eine Silberne Tapferkeitsmedaille eingegeben, der Belohungsantrag wurde aber ruhend gestellt, als amtlich bekannt wurde, dass er sich in Kriegsgefangenschaft befand. Eine übliche Praxis, solche Belohungsanträge wurden erst nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft weiter behandelt, erst wurde geprüft ob die Gefangennahme nicht selbstverschuldet oder gar aus Feigheit geschehen war. Johann Mantl wurde jedoch bis nach Sibirien verschleppt, von wo er erst lange nach dem Friedensschluss mit Russland und zwar am 4. September 1918, wieder zurückkehrte.

Die Goldene Tapferkeitsmedaille war inzwischen seiner Frau Agathe (1887-1974) ausgehändigt worden. Die Wiederaufnahme des ruhend gestellten Belohnungsantrages ergab schließlich noch die Verleihung der Silbernen Tapferkeitsmedaille 2. Klasse, des 6jährigen Dienstzeichens für Unteroffiziere und natürlich des Karl-Truppen-Kreuzes. Johann Mantl, bzw. seine Frau, erhielt übrigens, eine Goldene Tapferkeitsmedaille mit dem frühen, bartlosen Bild von Kaiser Franz Joseph aus der 1848/49er Ausgabe Serie. Dies geschah 1914 und teilweise bis zum Frühjahr 1915 häufiger. Aufgrund des sprunghaft ansteigenden Bedarfes wurden alle verfügbaren Restbestände im Depot der Ordenskanzlei ausgegeben.

Nach der Heimkehr bis zu seiner Pensionierung übte Johann Mantl weiterhin den Beruf eines Fahrers der Elektrischen Straßenbahn bei den Wiener Stadtwerken-Verkehrsbetriebe aus. Nach der Besetzung Österreich durch Deutsche Truppen wurde er, wie soviel Träger der höchsten Tapferkeitsauszeichnung, anlässlich des Gedenktages an die Schlacht von Tannenberg, ehrenhalber zum Leutnant in der Deutschen Wehrmacht befördert und zwar mit Erlass vom 30. Juli 1940. Aufgrund seines Alters und seines Berufes kam es wahrscheinlich nicht mehr zu einer Kriegsdienstverwendung. Johann Mantl verstarb nur 10 Monate nach seiner Frau und wurde am 4. November 1975, auf den Tag genau 61 Jahre nach seiner Waffentat, auf dem Döblinger Friedhof zur letzten Ruhe gebettet.

 

Copyright für Text und Bild: Jörg C. Steiner, Wien


BACK

     

HOME